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Geschichte des Musikverein Cäcilia

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Liebe Freunde der Blasmusik

100 Jahre Musikverein Cäcilia Straelen 1894-1994

Von Bernhard Keuck

Vier Brüder aus Antwerpen stürzen sich in der Absicht als Bilderstürmer „unsterblich“ zu werden, in eine Klosterkirche bei Aachen. Da setzen „die Klänge einer alten italienischen Messe“ ein, die sie so ergriffen machen, dass sie von ihrem Vorhaben ablassen müssen. Nach einigen Tagen kommen sie sogar ins Irrenhaus. Die nach dem Schicksal ihrer vier Söhne fahndende Mutter erfährt nach langen Jahren, „dass die Hl. Cäcilia selbst dieses zu gleicher Zeit schrecklich und herrliche Wunder vollbracht habe“. So der verknappte Inhalt der Novelle „Cäcilia oder die Gewalt der Musik“ von Heinrich von Kleist. Ins Reformationszeitalter führend schildert Kleist in beklemmender Eindringlichkeit die Kraft, mit der die Musik Gewalt über den Menschen haben kann.
Vielleicht die älteste Lebensäußerung des Menschen fehlt die Musik bei keinem Volk, in keiner Kultur. Für Beethoven war sie „höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“. Sei es als Gesang oder Tanzmusik, als Konzert- oder Hausmusik, als Marsch- oder Kirchenmusik, der Formen, in denen die Musik zum Ausdruck kommt, sind viele.

Cäcilia
Dass sie Heinrich von Kleist der Hl. Cäcilia zuordnet, ist keineswegs zufällig. Cäcilia war Spross eines römischen Patriziergeschlechtes des dritten Jahrhunderts nach Christus. Zur Hochzeit gezwungen, gelobte sie Jungfräulichkeit. Mit ihrem Verlobten Valerian und dessen Bruder Tiburtius, auf deren Bekehrung und Taufe sie bestanden hatte, erlitt sie den Märtyrertod. Im 15. Jahrhundert erscheint sie als Patronin der Kirchenmusik, denn: „Während die Instrumente (der Hochzeitsmusik) erklangen, sang die Jungfrau Cäcilia in ihrem Herzen dem Herrn allein“. So der folgenreiche Satz ihrer Heiligenvita, der ihre Verehrung als Patronin der Kirchenmusik bewirkte. Kaum zu überschätzenden Anteil daran hatte Raffaels berühmtes Bild von 1515 in der Pinakothek zu Bologna. Auf ihm liegen die Instrumente zerbrochen vor den Füßen der Heiligen, ein Portativ (Tischorgel) scheint ihr aus den Händen entgleiten zu wollen, während sie selbst den himmlischen Klängen lauscht. Seit dieser Zeit ist es üblich, die hl. Cäcilia mit der Orgel als Attribut abzubilden.
Heinrich von Kleist setzte ihr in seiner Novelle das bedeutendste literarische Denkmal und gab damit ihrer Verehrung gleichzeitig Vorschub. 1810, als die Novelle geschrieben wurde, war mit den Romantikern eine neue Ära eingeleitet. Sie ergriff alle Bereiche der Kunst und Kultur und brachte nach dem Jahrhundert des fürstlichen Absolutismus und der Säkularisation der katholischen Kirche ein überraschendes Erstarken. Allzu lange waren Gefühlswerte klein und rationelles Denken groß geschrieben worden. Deutlich sichtbar wurde dieser Wandel auch darin, dass viele Romantiker selbst zur katholischen Kirche konvertierten. Neben Kleist sind auch Herder und E. T. A. Hoffmann anzuführen, wenn es darum geht, die Wegbereiter einer Kirchenmusikreform zu nennen, da sie sich literarisch publizistisch für eine solche verwandten. Diese Reform setzte zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machtvoll ein und firmierte -kaum verwunderlich- unter der Bezeichnung „Cäcilianismus“.

Karl Jaspers und der Cäcilianismus
Vorwiegend von Priestern getragen ging sie aus „dem Verlangen nach einer an Palestrinas Musik orientierten a capella-Kunst hervor“ , und verstand sich als Abwehr der bis dahin herrschenden weltlichen Konzert-Kirchenmusik. Aus dem Dom zu Münster wurden bereits 1852 Instrumentalmusik und Frauenstimmen verbannt. 1868 gelang es dem „unermüdlichen Organisator“ Franz Xaver Witt den „Allgemeinen Cäcilienverein für Deutschland, Österreich und die Schweiz in Regensburg zu gründen. Er brauchte nur wenige Jahre, um im katholischen Deutschland Fuß zu fassen. Von Spannungen blieb die Bewegung nicht verschont, diese hatten ihre Ursache im strengen Purrismus der Verfechter reiner Vokalmusik einerseits wie auch im nur „durchschnittlichen Niveau“ ihrer Kompositionen andererseits, „über die die Geschichte nahezu spurlos hinweggegangen ist“ , wie es im Fachlexikon heißt.
Kurz nach Gründung wird der Allgemeine Cäcilienverein auch am Niederrhein aktiv. 1872 ist er dabei, seine Lokalorganisation aufzubauen; dies können wir einem Aufruf des Bezirkspräses, Chordirektor Aenstoots in Kevelaer aus dem Geldernschen Wochenblatt entnehmen: „Die Mitglieder des Allgemeinen deutschen Cäcilien-Vereins werden hierdurch freundlichst ersucht, den Beitrag von 10 Groschen pro 1872 mit der Angabe der gewünschten Vereinsgabe dem Unterzeichneten bis zum 8. Oktober einsenden zu wollen. Kevelaer, den 2. Oktober 1872“.
In Straelen dürfte die cäcilianische Kirchenmusik ebenfalls in diesen Jahren Eingang gefunden haben, denn 1869 wurde Karl Jaspers von Kevelaer nach Straelen versetzt. Mit seinem Namen ist der Aufschwung der Kirchenmusik in Straelen eng verbunden. Schon auf der Rektoratschule seines Geburtsortes Rees hatte er in der Person B. Quante, des späteren Kirchenmusikdirektors zu Münster mit dem Kirchengesang Berührung bekommen. Voller Enthusiasmus stürzte er sich in Straelen in die Probentätigkeit mit dem schon existierenden Knabenchor, den er um einige Männerstimmen erweiterte. Doch ein Kehlkopfleiden zwang ihn bald wieder den gemischten Chor an Organist Hendrix abzugeben. Jaspers verlegte sich mehr und mehr auf die Komposition. „Sein besonderes Verdienst ist es, den vielen damals erst in den Anfängen der Entwicklung stehenden Kirchenchören durch Komposition leichter, gefälliger, aber darum doch gediegener Werke die Pflege mehrstimmiger Kirchenmusik überhaupt erst ermöglicht zu haben“ , schreibt Kaplan Dohmes 1928 über ihn. Jaspers trug damit der Situation der kleinen Kommunen Rechnung, in denen sich das Bedürfnis nach Kirchenmusik ebenso regte wie in den großen Zentren, die gleichzeitig aber nicht über ausgebildetes Personal verfügten.

Der Pfarr-Cäcilien-Chor
Quasi noch auf dem Sterbebett im März 1882 konnte er die Gründung des „Pfarr-Cäcilien-Chores“ initiieren. Erster Dirigent war Wilhelm Toepler, der 1878 auf Wunsch Karl Jaspers als Organist nach Straelen gekommen war. Toepler arbeitet auch die Statuten aus, die im Oktober 1884 vom Generalpräses des Allgemeinen Cäcilienvereins, Domkapellmeister Schmidt in Münster genehmigt wurden. In 12 heißt es, die Programmatik umreißend: „Dem Chore als solchem ist es nicht gestattet, weltliche Konzerte, Theateraufführungen etc zu veranstalten. Auch werden in den Gesangsproben nur geistliche Lieder gesungen; doch dürfen ausnahmsweise weltliche Kompositionen geübt werden, namentlich zu den Erholungstagen“. In diesem Paragraphen wird die purristisch strenge Ausrichtung des Chores erkennbar. Immerhin wurde Orgelbegleitung toleriert, wie die älteste Eintragung in der handschriftlichen Chronik des Pfarr-Cäcilienvereins verrät; unter strengen Cäcilianern keineswegs selbstverständlich. Selbst die Orgel wurde von ihnen, wie Instrumente überhaupt der weltlichen Sphäre zugerechnet und für die Kirche abgelehnt. In dieser Chronik heißt es, „seit Herbst 1883 wurden 32 Messen mit obligatorischer Orgelbegleitung zur Aufführung gebracht“. Wie lange die strenge Richtung in Straelen den Ton angab, ist nicht bekannt, Tatsache ist, dass sie im niederrheinischen Klerus umstritten war. Am Wirkungsort des „Rheinischen Palestrina“, Franz Nekes in Erkelenz, dessen Messen und Motetten auch in Straelen gerne aufgeführt wurden, stießen 1875 die Gegensätze hart aufeinander. Als Nekes ein „kirchenmusikalisches Konzert in einem Gasthaussaal“ organisierte, meinte der Kritiker des Erkelenzer Kreisblattes Bäumker: „Das Anhören der Piecen, die ausschließlich im streng kirchlichen Stil gehalten sind, ermüdet außerhalb der Kirche wo die Aktion fehlt. Früher würdigte man nämlich die Kirche zum Konzertsaal hinab, heute scheint der Konzertsaal zur Kirche werden zu sollen“. Nekes erwiderte wenige Tage später, dass Horazische Wort, Kunst möge nutzen und erfreuen, bedeute, dass Konzerte „vor allem den Zweck der Belehrung haben und auf den musikalischen Genus erst in zweiter Linie abzielen“.
Auch Chordirektor Aenstoots, der 1871 Nachfolger von Karl Jaspers in Kevelaer wurde und, wie wir gesehen haben, 1872 noch für den Posten des Bezirkspräses gewonnen werden konnte, wechselte zu den Kritikern. Sein Biograph B. Röttgen schreibt über ihn: „Mit den Grundsätzen des Cäcilienvereins stimmte er nicht überein. Sie waren ihm zu eng, er wollte größere Freiheit. Darum beteiligte er sich auch nicht an den jährlichen Dekanats-Cäcilienfesten. Auch passte ihm die scharfe Kritik der Referenten nicht, die entgegen der Duldsamkeit der Kirche vielfach übertriebene Forderungen stellten“. Aenstoots ging es vor allem um den Einsatz der Musikinstrumente. Er führte 1871, wie Röttgen schreibt, „die musikalischen Messen ein, die er meist selbst komponierte. Der gemischte Chor mit Sängerknaben wurde besonders geschult, alle Knaben lernten ein Instrument, wurden dadurch notenfest und treffsicher“. 1872 rief er bereits einen Musikverein ins Leben, der vor allem in der Wallfahrtszeit ein reiches Aufgabenfeld vorfand.
Ob die Straelener auf ihren jährlichen Wallfahrten nach Kevelaer das Wirken des Musikvereins verfolgten, der mit Trommeln und Blasinstrumenten die Prozessionen begleitete, und es als Anregung „mit nach Hause“ nahmen, wissen wir nicht. Doch scheint es, dass das weltliche Element mit Beginn der 90er Jahre mehr und mehr aus dem Hintergrund trat. Der Zeitungsbericht über das Cäcilienfest 1891 in Straelen ist jedenfalls geprägt von weltlicher Fest- und Feierkultur, bei der das Element des Genusses keineswegs getilgt erscheint. „Nachdem die kirchliche Feier am 22. stattgefunden hatte, folgte Montag ein Festessen im Hotel von Lom. 75 Gäste hatten sich eingefunden, darunter über 50 Ehrenmitglieder. Die stattliche Anzahl beweist, dass der Verein sich immer mehr der Sympathie der Bürgerschaft erfreut. Den Reigen der üblichen humoristisch-musikalischen Aufführungen eröffnete ein kerniger Marsch von Priel. Das darauf folgende Cäcilienlied, für vierstimmigen Männerchor… wurde mit Geschick gesungen… Der verspätete Urlaub, ein komisches Duett, ist eine Composition herrlicher Melodien, verbunden mit Humor im Text… Die Kindersymphonie, welche zu hören wir schon im vorigen Jahre Gelegenheit hatten, wurde auch jetzt gut vorgetragen. Ausgezeichnet machte sich die Begleitung der Flöte, welche einer der Herren mit Virtuosität spielte…Die jetzt folgende Piece, ein rumänischer Walzer, welcher in kurzer Zeit seinen Siegeszug durch die ganze musikalische Welt gemacht hat, verfehlte auch auf das hier versammelte Auditorium seinen Reiz nicht… Das Couplet ‚der Hahnenmann‘ verdient auch hier besonders angeführt zu werden.“. Der Bericht ist überdeutlich für die Feststellung, dass die Straelener Bevölkerung nach Geselligkeit und Unterhaltung verlangte, weltliche Musik keineswegs verschmähte. Eine verständliche Tatsache, wenn man bedenkt, dass die massenhafte Verbreitung von Musik durch Radio, Schallplatte, Kassette oder CD vor 100 Jahren noch völlig unbekannt war. Musik in konservierter Form (Grammophon) dürfte in dieser Zeit noch äußerst selten gewesen sein, so dass ihr Genus nur in ihrer Live-Form, neudeutsch formuliert, erlebbar war. Zur sozialen Charakteristik gehört, dass das Personal im Wesentlichen aus der Bevölkerung Straelens selbst erwachsen musste.

Gründung des Musikvereins 1894

Es ist daher nur folgerichtig, wenn der Cäcilienverein mit Gründung einer Musikabteilung auf diese Bedürfnislage reagierte. Und es war natürlich Voraussetzung, dass einige Aktive in den Startlöchern steckten.
Eine Gründungsurkunde existiert, wie meistens bei Vereinsgründungen solchen Zuschnitts, nicht. Sie wird wahrscheinlich nie aufgesetzt worden sein, doch lässt sich nichts genaues mitteilen, da alle älteren Unterlagen des Musikvereins in den 50er Jahren abhanden gekommen sind. Lediglich ein Protokollbuch mit Eintragungen von 1938 und 1945-1990 liegt vor. Da ist es schon als Glücksfall anzusehen, wenn Dank eines Zeitungsberichts vom 13. April 1894 ein Gründungsdatum ziemlich genau einzugrenzen ist.
„Heute Morgen waren die Kirchgänger der 8 Uhrmesse allgemein überrascht, als sie vor dem Turmausgange der Kirche unsere junge Musikkapelle im besten Sonntagskleid mit blank geputzten Instrumenten und 2 mächtigen Trommeln aufgestellt sahen. Man sagte sich gegenseitig:‘ Was denn nun‘, und erfuhr bald durch Eingeweihte, und von Mund zu Mund wurde es weiter erzählt: Es gilt dem Herrn Hauptlehrer Tinnefeld, welcher heute auf eine 25jährige Tätigkeit im Schulamte zurückblicken kann. Bald ertönte das Comando ‚Marsch‘. Die Musik setzte ein, und umgeben von seinen Herrn Kollegen und gefolgt von der ganzen Schuljugend… wurde der Silberjubilar zur Schule begleitet „.
Die Gründung ist demnach im Frühjahr 1894 erfolgt. Wegen des gerade erwähnten Archivalienverlustes ist es leider unmöglich, die Gründungsmitglieder zu nennen. Wir können uns daher lediglich an einige ältere Fotos des Musikvereins halten. Auf dem ältesten, das mit 1901 datiert ist, haben sich 11 Herren, im Alter etwa zwischen 18 und 35 Jahren, vom Fotografen in teils hockender, teils aufrechter Stellung aufnehmen lassen. Es ist eine typische Atelieraufnahme der Jahrhundertwende, beim Portrait- und Atelierfotografen Josef te Niersen in Kevelaer vermutlich am Tag der Straelener Wallfahrt dorthin angefertigt. War im Zeitungsbericht von 1894 von zwei „mächtigen Trommeln“ die Rede, so sucht man sie auf diesem Bild vergeblich. Vielleicht sind die beiden Trommler in Kevelaer zeitweise verloren gegangen oder mussten bei einer anderen Prozession aushelfen… Wie dem auch sei, auf diesem Bild ist „nur“ eine 10 Mann zählende Blaskapelle mit dem Dirigenten Hermann Hamer zu sehen, dem ersten des Vereins, der sein Amt bis 1907 ausübte. Die Instrumente sind Tuba, Posaune, Trompete, Klarinette, Tenorhorn und Flügelhorn. Die Musikanten sind Hermann Schreurs, Hubert Schmitz, Martin Brücker, Ludwig Quinkertz, Josef Hout, Jakob Schmitz, Gerhard van den Berg, Heinrich Bongen, zwei Personen konnten nicht identifiziert werden. Ein Foto von 1904 zeigt die Musikerschar um den damaligen Präses Kaplan Niemann. Das nächste Bild zeigt eine wesentliche Weiterentwicklung des Musikvereins, es trägt das Firmensignet des Venloer Fotohauses Gebrüder Jansen und wurde 1908 geschossen. Nun sind zwei Trommeln dabei, allerdings eine große (Türkentrommel) und eine kleine Wirbeltrommel. Dazu gekommen sind sechs Violinen und ein Contrabass. Blasinstrumente sind sieben zu sehen. Die Namen der Musikanten sind: Gerhard Muysers, Ferdinand Giesberts, Hermann Tervooren, Fahnenträger Verfürth, Emil Römer, Hubert Schmitz, Leupers, Gerhard van den Berg, Karl Delbeck, Jakob van Schayck, Josef Hout, Heinrich Cürvers, ein Schmitz und ein weiterer Delbeck; bei dem zweiten rechts unten ist man sich nicht ganz sicher, ob es Theodor Brenk ist. Als „geistlicher“ Leiter ist Kaplan und Dirigent Speer zu erkennen.
Ebenfalls vor dem Nordost-Portal der Kirche und vermutlich auch zum selben Zeitpunkt ist das dritte Bild aufgenommen, das 33 Herren im Sonntagsanzug, gruppiert um Kaplan Speer, zeigt: es ist die Musikabteilung (ohne Instrumente), vermehrt um die Männerstimmen des Pfarr-Cäcilienchores. Es fehlen die Knabenstimmen. In der oberen Reihe, genau in der Mitte vor dem Portal ist die Fahne des Pfarr-Cäcilienvereins platziert, auf ihr die Hl. Cäcilia in der Haltung, wie sie schon vom Bild Raffaels bekannt ist.
Fragt man nun, wie und aus welchem Anlass diese ernst, aber keinesfalls missmutig dreinschauenden Herren in der Öffentlichkeit auftraten, dann sind Nachrichten, die offensichtlich direkt den beiden Fotos von 1908 zuzuordnen sind, aufschlussreich. Es sind nämlich ziemlich sicher Bilder, die am Cäcilientag dieses Jahres entstanden sind. Aus der Zeitung können wir erfahren, wie er in Straelen begangen wurde. Am 21.11.1908 wurde per Anzeige die Öffentlichkeit auf eine „Theater-Aufführung Sonntag, den 22. November abends 5 1/2 Uhr im St. Josephshause“ aufmerksam gemacht. Danach sollte zur Aufführung gelangen: „1. Festmarsch (Blasorchester) von Carl Zöllner, 2. Halt (Männerchor), 3. Ringkämpfer Hahnekamp, komisches Gesamtspiel von P. Blechschmidt mit Musik von Louis Kron, 4. Lustspiel-Ouvertüre (Streichorchester) von Keler-Bela, 5. Die Bettelmusikanten, Schauspiel in fünf Aufzügen von Dr. Josef Faust, 6. Hüttchen so traut (Männerchor) von Josef Pasle, 7. Ouvertüre zur Posse „Berlin wie es weint und lacht (Streichorchester) von W. Conradi, 8. Der Sturz des Pegasus, Schwank in einem Aufzug von W. Kiefer“.
Also dreimal kam die Musikabteilung, zweimal der Männerchor zum Einsatz. Zusätzlich spielten Personen aus ihrer Mitte Theater. Abschließend weist die Anzeige darauf hin, dass nach der Aufführung „Extrazüge der Kreisbahn nach Bedarf“ zur Verfügung ständen. Die Veranstalter rechneten also nicht gerade mit geringem Besuch.
In der Ausgabe vom 1.12. erhielten denn die Aktiven auch Lob vom Musikkritiker des Geldernschen Wochenblattes. „Straelen, 24. November (Cäcilienfest) Trotz des ungünstigen Wetters hatte der Theaterabend des Vereins am verflossenen Sonntag einen zahlreichen Besuch aufzuweisen, was wohl einzig auf die bekannten vorzüglichen Leistungen des Vereins zurückzuführen ist. Mit einem Festmarsch, von der Musikabteilung des Vereins exakt vorgetragen, wurde das Fest eingeleitet. Die auf dem Programm verzeichneten Lieder sowie die beiden Ouvertüren wurden meisterhaft vorgetragen. Ebenso trugen die Theaterstücke, da die einzelnen Rollen mit sehr bewährten Kräften besetzt waren, das ihrige zur Verschönerung des Abends bei… Dass das Fest zwei Tage dauerte, ist dem folgenden Teil des Berichts zu entnehmen, denn ein „geistlicher“ Teil wurde am Montag begangen: „Am Montag war zu Ehren der Patronin des Vereins feierliches Hochamt, wobei der Chor eine mehrstimmige Messe mit Orgelbegleitung in gewohnter meisterhafter Weise zur Aufführung brachte. Abends fanden sich die Mitglieder und Ehrenmitglieder zu einem Festessen im Hotel von Lom ein. Zur Unterhaltung wurde das Programm vom Tage vorher teilweise wiederholt…Der Cäcilienchor kann mit berechtigtem Stolz auf den Ehrentag seiner Patronin zurückblicken, denn er reihte sich den früheren würdig an. Der Chor steht auf der Höhe sowohl im Gesang als Musik und bildet mit seinem tüchtigen Dirigenten, Herrn Kaplan Speer und den eifrigen gut geschulten Mitgliedern ein rühriges Ganzes“.
Ein Seitenblick auf den „Kameradschaftlichen Liebhaber-Theaterverein 1881 e V“ lässt übrigens Querverbindungen erkennen, die die Dimension der Theaterspiellust in Straelen dokumentieren. Eine ganze Reihe der Sänger und Musiker des Cäcilien Vereins waren nämlich auch Mitglied im Theaterverein, so zeigt es das Foto, das aus Anlass des 25sten Jubiläums des Theatervereins 1906 in Auftrag gegeben wurde.
In dieser eben gezeigten Form der Teilung in einen „geistlichen“, rein kirchenmusikalischen und einen „bunten“ Unterhaltungsteil wurden die Cäcilientage, unterbrochen nur vom Ersten Weltkrieg bis weit in die 30er Jahre durchgeführt. Das Übergewicht der geistlichen Musik der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts hatte sich also längst in ein Gleichgewicht zwischen Kirchenmusik und weltlicher Musik gewandelt. Dies trifft auch auf das übrige Spektrum der musikalischen Darbietungen zu.
Denn die Cäcilientage boten natürlich nicht die einzige Gelegenheit zum Musizieren. Im Gegenteil: schon in der ersten Zeit bildete sich eine Art „Jahresprogramm“ der immer wiederkehrenden Auftritte heraus. Darin waren kirchliche und weltliche Anlässe bunt gemischt. So trat ab 1902 der Musikverein im Karneval sowohl bei den Sitzungen als auch im Karnevalszug auf. Bei der musikalischen Gestaltung des Kommunionszuges im April und der Fronleichnamsprozession im Mai/Juni wirkte er ebenfalls mit. Auch die Kevelaer-Prozession im Juni war ohne die Unterstützung der Musikkapelle undenkbar. Im September standen die anstrengenden Tage des Schützenfestes an, gefolgt von Allerheiligen, St. Martin, Volkstrauertag und Totensonntag im November; schließlich am Ende des Jahres die festliche Christmette. Auf die vielen Ständchen und Vereinsfeste zu denen der Musikverein gerufen wurde, kann hier nur summarisch eingegangen werden, erwähnt werden muss aber, dass der Musikverein auch bei einer ganzen Reihe öffentlich-„politischer“ Termine mitwirkte und bis heute mitwirkt, wie überhaupt betont werden muss, dass dieses Programm mit den üblichen modischen Schwankungen Bestand bis heute hat. Solche öffentlichen oder politischen Termine waren z.B. Einführung des Bürgermeisters Bongartz 1922, die Einweihung der neuen Hauptschule am Mühlentor im März 1927 und die Fertigstellung der Kriegerehrenmalsanlage an der Walbecker Straße im Juli 1928 wie auch die Festumzüge bei den verschiedenen Jubiläen der Versteigerung 1939, 1954 und 1964.
Lebendig geblieben ist in der Erinnerung vieler älterer Straelener ein besonders stimmungsvolles musikalisches Ereignis, das der Musikverein jahrzehntelang als Spezialität pflegte. In der weihnachtlichen Christnacht postierten sich je zwei Blechbläser an den vier ehemaligen Stadttoren und intonierten feierlich zwei Weihnachtslieder.
Im Archiv des Vereins hat sich der Brief eines Frontsoldaten vom 13.12.1941 an die „Lieben Kameraden und Musikfreunde“ erhalten. „Ich hatte ja gehofft, in diesem Jahr bei Euch zu sein, wenn in der Heiligen Nacht ihr an den Toren unserer Stadt um Mitternacht die alten herrlichen Weihnachtslieder spielt. Aber im Geiste werde ich doch bei Euch sein. Denn dann klingen in meinen Ohren die alt bekannten Weisen und da ich jetzt nicht blasen kann, singe ich leise mit“. Ein Zitat, in dem etwas mitschwingt von der „Gewalt der Musik“ wie Kleist und andere Literaten sie beschworen haben.
In dem wirtschaftlich schwierigen Vorinflationsjahr 1922 stellte der Vorstand des Vereins einen Unterstützungsantrag an den Gemeinderat. Darin heißt es: „Als Musikverein in der Gemeinde Straelen werden wir im Laufe eines jeden Jahres öfters zu Festlichkeiten beansprucht, bei welchen Kosten für Musik überhaupt nicht entstehen dürfen oder möglichst vermieden werden sollen…Da nun die Instandhaltung der Instrumente sowie Neuanschaffungen solcher und Ersatzeinzelteile für dieselben, ferner auch Notenmaterial uns unerschwingliche Unkosten verursacht, bitten wir den Wohllöblichen Gemeinderat höflichst 1) eine dauernde Unterstützung durch Einstellung einer angemessenen Summe im Gemeindeetat, 2) im Laufe eines jeden Jahres zwei einzelne Tage uns steuerfrei zu lassen für musikalische Veranstaltungen“.
Der Gemeinderat hatte Verständnis für die Finanzlage des Vereins, denn er bewilligte eine „höher festgesetzte“ Beihilfe von 10.000 Mark, lehnte aber die Befreiung von der Lustbarkeitssteuer „mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten, die sich dadurch für andere Fälle ergeben werden“ ab. Offensichtlich konnte der Verein damit durchaus leben, scheint doch die Summe, obwohl man die in Trab übergegangene Inflation bei der scheinbaren Höhe der Summe bedenken muss, zur Reparatur und Neuanschaffung von Instrumenten ausgereicht zu haben.
1924 – die Inflation war durch Einführung der Rentenmark eingedämmt – wird dem Musikverein dann doch vom Gemeinderat „für eine Festlichkeit Befreiung von der Lustbarkeitssteuer“ gewährt, da sich die „Musikabteilung im allgemeinen Interesse betätigt“. Zur Bedingung wurde allerdings gemacht, dass der Musikverein bei dem alljährlichen „Stiftungsfest der Feuerwehr sich auch weiterhin in den Dienst der Allgemeinheit stellt“. Auch regte der Gemeinderat an, „dass während der Sommermonate an einigen Abenden auf dem Marktplatze … ein kleines Konzert veranstaltet wird“. Der Musikverein ging darauf bereitwillig ein, denn ein Jahr später heißt es in den Akten, „die Musikabteilung wird sehr wahrscheinlich in den Sommermonaten sogar zweimal im Monat ein Konzert veranstalten“.

Die Ära Cürvers

Während nach dem ersten Dirigat von Hermann Hamer, der 1907 den Taktstock abgab, die Kapläne, die schon für den Pfarr-Cäcilien Verein verantwortlich waren, auch die Funktion des Dirigenten übernahmen (1907/08 Kaplan Speer, 1909-1913 Kaplan Janssen, 1913-1925 Kaplan Thielen), wurde 1925 mit August Lehring wieder ein weltlicher Dirigent gewählt. In seine Fußstapfen trat Anfang der 30er Jahre Heinrich Cürvers, dessen Name fast 70 Jahre mit dem Geschick des Vereins verbunden war. 1907 im Alter von 17 Jahren trat er als Geigenspieler und Bläser bereits dem Verein bei. Geleitet hat er den Verein als Dirigent von 1931 bis 1969, 40 Jahre lang war er Vorsitzender. Sein Nachruf zu seinem Todestag am 24.5.1976 betonte: „Als Vorsitzender hat er sich besonders der Jugend angenommen und immer wieder neue Mitglieder an sich gezogen“. Doch sind seine Verdienste gar nicht alle aufzuzählen und es ist keineswegs übertrieben, von einer Ära Cürvers zu sprechen. Verlieh er ihr einerseits unübersehbar den Stempel seiner Persönlichkeit, was z.B. darin zum Ausdruck kommt, dass der Verein in „seiner“ Ära keine Satzung kannte, so dass der Verein zumindest in juristischem Sinne gar kein Verein war, sondern nur eine Gemeinschaft, wie er sich selbst oft nannte, reichte andererseits Cürvers Persönlichkeit immer aus, alles in den Angeln zu halten.
Entscheidend war sein Einsatz nach dem 2. Weltkrieg, in dem die Vereinsarbeit „ruhte“, da fast alle Mitglieder „an der Front standen“. Aufschlussreich ist hier die erste Nachkriegseintragung ins Protokollbuch des Vereins: „Der Musik-Verein Cäcilia, dessen Mitglieder in dem 2., furchtbaren Weltkrieg von 1939-1945 fast alle Soldaten waren, wird im Frühjahr 1946 von dem Vorsitzenden Heinrich Cürvers wieder neu zusammengestellt. Der Krieg hat auch in dem vor dem Krieg so blühenden Verein viele Lücken gelassen. Gefallen sind die Kameraden Hermann Giesberts, Arnold Wefers und Willy Quinkertz. Der Musikverein wird den Mitgliedern ein stetes Andenken bewahren. Vermisst sind die Mitglieder Ernst Engh, Heinrich Schreurs und Franz Pasch. Auch diese treuen Mitglieder sind nicht vergessen.
Der neue Anfang ist schwer, Nachkriegszeit ist Notzeit. Die Musik-Instrumente werden so gut es geht instand gesetzt und manches Instrument ist in seinem Versteck doch in Trümmer gegangen. Aber trotz allem wird mit regelmäßigen Proben begonnen. Nach und nach kommen die Mitglieder aus französischer, amerikanischer oder russischer Gefangenschaft zurück. Langsam sind die Stimmen im Orchester besetzt.
Im Jahre 1946 spielte der Musik-Verein Cäcilia wieder an den kirchlichen Festtagen, weißer Sonntag, Fronleichnam, Allerheiligen und am heiligen Abend um Mitternacht die alten Weihnachtslieder.“
Fanden die Proben in alter Zeit im Kirchenhaus am Kirchplatz bzw. im Kaplanshaus neben dem Pastorat statt, so wurde in den 30er bis 50er Jahren auch schon mal im Jugendheim am Markt, später im neuerrichteten Jugendheim an der Rathausstraße geprobt. Heute finden Proben in der Begegnungsstätte an der Stadthalle statt. Wenn man einmal überschlägt, was all dieses Proben erbracht hat, man also nach einer Leistungsbilanz sucht, dann kommt man zu einem erstaunlichen Ergebnis. Grundlage dieser Erhebung ist das Protokollbuch des Vereins 1938, 1945-1990, in dem alle Auftritte dieses Zeitraums genau vermerkt sind. In den 44 Jahren seit dem Neuanfang 1946/47 hat der Verein es danach zu der stattlichen Zahl von 1126 mehr oder weniger öffentlichen Auftritten gebracht, Ständchen, Konzerte, Prozessionen etc eingerechnet. Dieser Erhebung ist auch zu entnehmen, dass die Zusammenarbeit mit anderen Musikvereinen sehr groß ist, teilweise über die Grenzen hinweg, denn traditionsgemäß wird in Straelen die holländische Grenze nicht als Hürde betrachtet, die menschlichen Kontakt mit Niederländern verhinderte. So kann sich der Straelener Musikverein Cäcilia eine hohe sozial-integrative Bedeutung bescheinigen lassen. Und es beweist sich einmal mehr, dass in Kleinstädten wie Straelen ohne das Engagement ehrenamtlich tätiger Vereine kein gesellschaftliches Leben möglich ist.

Anmerkungen
Hugo Riemann: Musik Lexikon, Bd 3, Sachteil, Mainz 1967
Gerhard Rozyn: „Sein Schaffen galt der Ehre Gottes“. Peter Heinrich Thielen (1839-1908), in: Gotteslob durch die Jahrhunderte in der Stifts- und Wallfahrtskirche zu Kranenburg, 1977
M. Honneger, G. Massenkeil: Großes Lexikon der Musik in acht Bänden, Freiburg 1976, Stichwort „Cäcilianismus“.
Dies und das folgende nach Wilhelm Dohmes: Karl Jaspers. In: Festschrift 100 Jahre Niederrheinische Landeszeitung, Geldern 1928
ebd
ebd
(Festschrift) Ein Jahrhundert Pfarrcäcilienchor St. Peter und Paul Straelen, Straelen 1981, S. 17-23
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Andreas Amberg: Schriftsteller im Erkelenzer Land. Eine literarische Spurensuche (Schriften des Heimatvereins Erkelenzer Lande e.V. 13), Erkelenz 1993, hier S. 35-40
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Bernhard Röttgen: Stanislaus Aenstoots, Seelsorger, Musiker, Schriftsteller und Original. Nettetal-Brüggen 1954, S.22
ebd, S.23
Geldernsches Wochenblatt vom 1.12.1891
Geldernsches Wochenblatt
Geldernsches Wochenblatt
Festschrift 100 Jahre Kameradschaftlicher Liebhaber-Theaterverein 1881 e.V., Straelen 1981
Stadtarchiv Straelen E8/21 spez.
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Archiv des Musikvereins
wie Anmerkung 17
das folgende nach dem Protokollbuch des Vereins
Eine Satzung wurde erst im Dezember 1975 verabschiedet.

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